Coworking-Komfort

Die Komfortzone Büro ist nicht mehr Grundvoraussetzung für ein erfülltes Arbeitsleben – zumindest nicht für Arbeitnehmer. Kein Wunder erleben Coworking Spaces einen enormen Boom. Die Digitalisierung erlaubt es, Bedürfnisse von (jungen) Arbeitnehmern nach mehr Selbstbestimmtheit und einem Arbeiten unabhängig von bestimmten Orten zu stillen.

Mitarbeiter von Microsoft München können sich aussuchen, wann und wo sie arbeiten – Hauptsache, das Ergebnis stimmt.¹ Das System lautet also: Vertrauens-Arbeitszeit inklusive Vertrauens-Arbeitsort – womit das Unternehmen den Nerv einer neuen Generation von Arbeitnehmern trifft.

Diese Generation will sich nicht nur aussuchen, wann sie arbeitet. Sondern auch zunehmend, wo. Während Microsoft-Mitarbeiter trotz aller Flexibilität Anwesenheitspflicht bei Meetings haben, wählen immer mehr (junge) Leute eine komplett von einem bestimmten Ort entkoppelte Arbeitsform. Sie kehren das Prinzip „der Arbeitsort bestimmt, wo sich mein Lebensmittelpunkt befindet“ ins Gegenteil um: Ich arbeite, wo ich lebe.

Orte der Ortsunabhängigkeit

Auf der Suche nach einem Arbeitsort für das ortsunabhängige Arbeiten findet man Coworking Spaces: Büros, in die man sich im Tages-, Wochen- oder Monatsrhythmus einmieten kann und die es mittlerweile in Städten auf der ganzen Welt gibt. Man spricht von 2.500 Coworking Spaces auf dem Globus – und lauscht man Stimmen der Szene, erobern diese Arbeitsräume im nächsten Schritt auch die Peripherie. Aber warum Coworking statt herkömmliches Büro?

Der Vorteil von Coworking Spaces, insbesondere für Startups, ist natürlich die günstige Miete – und die Tatsache, dass man nicht an einen Vertrag gebunden ist, der einem im Falle des Scheiterns finanziell in die Knie zwingt. Außerdem schafft der Coworking Space im Gegensatz zur eigenen Wohnung, in der nebenher die Waschmaschine läuft, eine richtige Arbeitsatmosphäre – mit Drucker, Kaffee und gemeinsamer Mittagspause. Hier besteht also die Komfortzone des „normalen“ Büros – mit einer Brise Freiheitsgefühl.

Community der Gleichgesinnten

Coworking Space ist nicht gleich Coworking Space – wie Nine-to-five-Job nicht gleich Nine-to-five-Job ist: Im Neuköllner Enklave steht der Teamspirit zum Beispiel ganz oben. Mitglied wird nur, wer zur Gruppe passt. Es gibt regelmäßige Events, wie gemeinsames Kochen.

In anderen Coworking-Büros wird der Gemeinschaftssinn vielleicht weniger zelebriert. Tatsächlich ist er aber der Muttergedanke aller Coworking Spaces und geht mit den meisten Beschreibungen dieser Arbeitsplätze einher: Eine Community der Gleichgesinnten, die ihr Knowhow der unterschiedlichsten Fachbereiche in einen großen Wissenstopf wirft – und alle profitieren davon. Das Fraunhofer-Institut bezeichnet Coworking Spaces als Orte, in denen eine „Anzahl von Einzelkämpfern ein leistungsfähiges und flexibles Netzwerk“ bilden.

Blick über den großen See

Ortsunabhängiges arbeiten im Coworking Space? Digitale Nomaden? Was sich in vielen deutschen Ohren nach einer Parallelwelt anhört, hat in den USA über Einzelkämpfer hinaus schon ganze Firmen erreicht. Dazu gehört zum Beispiel auch Wordpress (Automattic). Wenn man als Durchschnitts-Angestellter in deren Jobausschreibungen von Ortsunabhängigkeit, einer „open vacation policy“ oder dreimonatigen Sabbaticals alle fünf Jahre liest, schlackern einem die Ohren.

Denselben Effekt hat man bei Basecamp, dem digitalen Projektmanagement-Tool aus Chicago. Der Gründer und CTO David Heinemeier Hansson erklärt das Konzept der Firma (an einem Montag) so²: „… Wir sind ein ortsunabhängiges Unternehmen. Als wir anfingen zusammen zu arbeiten, war ich in Dänemark – sieben Zeitzonen von Jason in Chicago entfernt. Insofern ist die gesamte Gründungsgeschichte von Basecamp eine von ortsunabhängigem Arbeiten. Wir haben verstanden, dass die besten Leute nicht in Chicago sind. Sondern überall. Ich glaube, die Lebensqualität von jemanden, der über seinen eigenen Arbeitstag und Arbeitsort bestimmen kann, steigt enorm. Die Leute werden zu besseren Arbeitern, weil sie glücklichere Menschen sind.“

Berlin, Berlin

Wenn man diesen Spirit in Deutschland sucht, findet man ihn am ehesten in Berlin. Zumindest belegen die Zahlen, die zur Gründung von Startups und neu entstehenden Coworking Spaces durchs Netz geschleudert werden, eines: Der klassische Büroraum ist nicht mehr der einzige und ultimative Weg, sein Arbeitsleben zu gestalten. Peter Wall, Mitbegründer des Coworking Space Hubud auf Bali, sieht das ähnlich: „Fakt ist, dass Leute flexibler arbeiten wollen, anders als sie seit der industriellen Revolution gearbeitet haben. Das Konzept von einem Großraumbüro in einem Unternehmen ist für viele nicht mehr reizvoll. Digitale Nomaden sind vielleicht ein Extrembeispiel. Aber sie sind ein Beispiel dafür, wie sich die Arbeitswelt wandelt.“²

Dass Berlin viele Startups hat, ist natürlich nichts Neues. Die Nomadenszene weht einem da schon eher wie frischer Wind entgegen. Zum Vergleich: 2005 entstanden die ersten Coworking Spaces – im letzten Jahr schossen rund 100 neue allein aus Berlins Boden. International erreicht Deutschlands Hauptstadt den dritten Platz bezüglich der Dichte an Coworking Spaces, womit im Europabanking nur die Startuphochburg London vorn liegt.³ Berlins Anziehungskraft beschreibt Jakob, Brand & Space Manager vom Coworking Ahoy, treffend: „Die größte Marke, die Berlin hervorgebracht hat, ist Berlin selbst.“

Trotzdem hat Berlin dasselbe Problem wie alle anderen wachsenden deutschen Großstädte: Die Mietpreise ziehen an. Gründer Dennis vom Coworking Enklave erklärt: „Berlin ist in der Realität des Immobilienmarktes angekommen.“ Kein Wunder entscheiden sich Startups für günstige Coworking Spaces und gegen Knebel-Mietverträge.

Räumliche Auswirkungen

Den Boom der Coworking Spaces kann man zwar als Antwort auf heutige Arbeitswünsche deuten. Ihre Herkunft haben die Büroalternativen aber nicht in der Arbeitswelt: Coworking Spaces sind ein Ableger der Kaffeehauskultur. In Wien hat das lange Verweilen im Café, wobei man nebenher an einem Buch schreibt, eine lange Tradition.

Mittlerweile gibt es aber auch unzählige Starbucks unter den Coworking Spaces. „Coworking-Kommerz“ ist ein treffender Begriff für das Milliardengeschäft, das unter Namen wie WeWork aus den USA auf den deutschen Markt drängt. Die Berliner Zeitung spricht von „hippen Arbeitsplätzen vom Fließband“. Dass die Discounter Tante Emmas Coworking Spaces aufmischen, zeigt natürlich auch, wie viel Potenzial dieser Markt hat. Ganz gleich, was man davon hält, die Sache boomt.

Nerv der Zeit

Fakt ist: Ortsunabhängigkeit war noch nie so leicht realisierbar wie heute. Abläufe des Büroalltags, welche früher physische Anwesenheit vorausgesetzt haben, können durch digitale Dienste abgewickelt werden: Skype dient Meetings, Every Time Zone zeigt an, wann sich die Arbeitszeiten der Länder überschneiden, Dropscan schickt einem die Post über einen Nachsendeauftrag eingescannt per Mail. Für jedes Problem gibt es eine digitale Lösung.

Der Trend des ortsunabhängigen Arbeiten resultiert aber nicht aus den neuen Möglichkeiten der Umsetzbarkeit durch digitale Tools oder Coworking Spaces (viel mehr ist es umgekehrt). Es geht darum, dass die neue Generation Arbeitnehmer in einer wirtschaftlich stabilen Zeit überhaupt Spielraum haben, das „wie“ zu hinterfragen. Die Kartoffel diente in der Nachkriegszeit zum Satt werden – das vegane Leben spiegelt wieder, dass wir die Art, wie wir den Bauch voll kriegen, hinterfragen.

¹ Quelle: Focus Spezial Februar / März 2015

² Film „One way ticket“ www.digitalnomaddocumentary.com

³ Deskwanted.com, Globale Coworking Survey, 2013

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