Das Beben von Lissabon

Lissabon Kirchen-Ruine Convento do Carmo

1755 zerstörte ein Erdbeben die Altstadt von Lissabon. Mehrere Minuten hielten die seismischen Bewegungen an und brachten Häuser, Paläste, Kirchen, Bibliotheken und Brücken zum Einsturz. Das Problem: Die Holzkonstruktionen krachten auf brennende Kerzen – es war Allerheiligen.

Dem Beben und seinen Nachbeben folgte ein Großbrand, dem Großbrand folgte ein Tsunami. In Zahlen: Von damals 275.000 Einwohnern in Europas viertgrößter Stadt kamen mehrere Zehntausend¹ ums Leben. 85 Prozent der Gebäude wurden zerstört.

Katastrophenmanagement

Heute zählt Lissabon gut 500.000 Einwohner – und die Wunde des Bebens ist im Städtebau noch lesbar. Anstelle der Architektur aus dem 16. Jahrhundert befindet sich im Altstadtviertel Chiado ein orthogonales Straßennetz mit großen Plätzen und breiten „Avenidas“.

Die neue Struktur stammt von den Architekten Eugénio dos Santos und Carlos Mardel. Der Wiederaufbau wurde vom damaligen Staatssekretär unter König José I. bewältigt: Sebastião José de Carvalho e Mello (später Marquês de Pombal). Er stellte Truppen auf, die Feuer löschten, Schutt abtrugen und gegen den Glauben der Bevölkerung die Leichen im Meer begruben, um Epidemien zu vermeiden. Plünderer wurden durch aufgestellte Galgen abgeschreckt – und im Notfall auch gehängt. Durch Pombals organisiertes und schnelles Handeln war die Stadt innerhalb eines Jahres aufgeräumt und der Wiederaufbau begann.

Altstadt von Lissabon I Städtebau Schachbrett

Außerdem betrieb Pombal anhand der Bauarbeiten Forschung an erdbebensicherem Bauen (die Erschütterungen wurden durch Treten auf den Boden nahe der Modelle simuliert). Er erfasste Daten, indem er Umfragen über die Dauer des Bebens sowie die Nachbeben und Gebäudeschäden machte. 1756 wurde Pombal zum Ersten Minister ernannt, wegen seines strukturierten und schnellen Handelns. Noch heute gilt er als Wegbereiter des modernen Katastrophenmanagements.

Aber nicht nur die Organisation auf nationaler Ebene funktionierte; auch Europa hielt zusammen. England zum Beispiel stand mit Portugal in einer engen Handelsbeziehung – und lies 100.000 Pfund Soforthilfe springen.

Zeiten der Aufklärung

Pombal legte in den Folgejahren Portugals Grundstein für die Moderne. Mit ihm verschwand die traditionelle klerikale Politik und machte Platz für den aufgeklärten Absolutismus. Nicht ganz im Sinne der katholischen Kirche.

Aber auch in der Bevölkerung änderte sich in Folge der Katastrophe und Zeiten der Aufklärung die Meinung zur göttlichen Bestimmung. Denn Tatsache war, dass das damalige Rotlichtviertel am angrenzenden Hügel Alfama von Tod und Zerstörung verschont geblieben war – und das Leben der Gläubigen nachhaltig zerstört.

Igreja do Carmo

Die geologische Ursache des Bebens von Lissabon 1755 ist bis heute nicht abschließend geklärt. Eine Vermutung fällt auf die Plattentektonik der Azoren-Gibraltar-Bruchzone – hier stoßen die Afrikanische und die Eurasische Platte zusammen. Demnach lag das Epizentrum einige hundert Kilometer von der Stadt entfernt, man schätzt es auf eine 8,5 bis 9 auf der Richterskala. Insofern war das Beben auch in anderen Teilen Portugals sowie von Nordafrika bis Barbados und in unzähligen Orten Europas zu spüren.

Überlebt hat bis heute ein beeindruckender architektonischer Zeuge den 1. November 1755: Die ehemalige Kirche Igreja do Carmo, die zum Karameliter-Orden Convento do Carmo gehörte. Der Bau aus der portugiesischen Gotik entstand zwischen 1389 und 1423 auf dem Hügel des Barrio Alto. Während Dach und Wände den Erschütterungen nachgaben, blieben die Pfeiler des Portalbogens stehen. Obwohl sie der Witterung ausgesetzt sind, stehen sie noch immer und zeugen von einer unfassbaren Ingenieurleistung.

Archäologisches Museum Lissabon

Heute befindet sich in der Ruine das archäologisches Museum von Lissabon. Die Exponate findet man unter anderem in den Seitenschiffen unter freiem Himmel – sodass das Hauptschiff für Klassikkonzerte frei bleibt, die wegen der exzellenten Akustik hier stattfinden.

¹ Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Schätzungen nennen Werte zwischen 30.000 und 100.000 Menschen

Kommentare (2)

  1. Pinkback: Weltgestalt - Architektur auf Reisen

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