Leise rieselt der Putz

Rund 50 Prozent der Häuser in Lissabons Altstadt befinden sich in einem schlechten Zustand. In den 90ern gab es regelmäßige Komplett-Einstürze – was viele Gebäude aktuell zusammenhält, sind die zugemauerten Fenster und Türen.

Einhergehend mit bröckelndem Putz, herabhängenden Überdachungen und verbarrikadierten Öffnungen weisen Schilder mit dem Begriff „Aviso“ (Warnung bzw. Hinweis) auf anstehende Rekonstruktionen hin. Dass diese auch umgesetzt werden ist damit nicht gesagt.

Zu billig

In Sachen Erhalt und Sanierung ist in Portugal schon seit 1947 vieles falsch gelaufen. Damals bewirkte der Diktator Salazar einen Mietpreis-Stopp für Lissabon und Porto, um die Lebenshaltungskosten der Portugiesen einzudämmen. Diese „mieterfreundliche“ Politik wurde 40 Jahre lang betrieben – sodass Hauseigentümer kein Budget hatten, die Gebäude instand zu halten. Es gab Zeiten, in denen die Miete aufgrund der hohen Inflation weniger kostete als Wasser und Strom.

Einzige „Chance“ der Misere zu entkommen, war für viele Vermieter das Abtreten ihrer Mieter. Um die Gebäude schließlich einreisen zu lassen, oder in Büroräume umzuwandeln.

2006 wurde die Mietpreisbremse ausgehebelt, so können seither auch die alten Verträge an den aktuellen Marktwert angepasst werden. Theoretisch. Wenn die Bürokratie auch mitmacht. Außerdem gesellen sich zum jahrelangen Geldmangel weitere Komplikationen: Viele Grundstücke sind durch Erbschaften geteilt, bauliche Maßnahmen können nur gemeinschaftlich eingeleitet werden. Abgesehen davon würde ein rettender Sanierungsplan für die meisten der Bauten zu spät kommen.

Gassen in Lissabon Architektur

Zu teuer

Heute trägt das Problem eine neue Maske. Der portugiesische Immobilienmarkt bietet mehr Eigentums- als Mietwohnungen, allerdings können viele Portugiesen mit jahrelanger wirtschaftlicher Stagnation ihre Immobilienkredite nicht mehr bedienen. In den Vororten liegen die Kosten zwei Drittel niedriger; also ist Pendeln in die günstigeren Vororte angesagt.

Damit stehen in Lissabon rund 30.000 Wohnungen leer – und es fahren fast genauso viele Pendler jeden Tag in die Stadt, wie sie Einwohner hat. In kaum einer anderen Metropole Europas findet eine solche Abwanderung statt: Der Anteil der über 65-Jährigen ist mit 24 Prozent der Höchste in der EU.

Natürlich beschränkt sich das Verfallproblem nicht nur auf die blanken Konten der Bevölkerung. Mit den Spar- und Reformauflagen der EU bleibt auch dem Staat kein Budget für Restaurationen der öffentlichen Bauten.

Zu China

Um Schulden abzubauen, veräußern Stadt und Staat Wohnungen, Geschäfte, Lokale, ganze Häuser. Unter den ausländischen Investoren ist China ganz groß vertreten. Einheimische haben gegen deren Kaufkraft kaum eine Chance.

Eine Motivation, in Lissabons Immobilienmarkt zu investieren, ist für Nicht-EU-ler das „goldene Visum‘‘: Wer in Portugal eine Immobilie im Wert von 500.000 Euro erwirbt, zehn Arbeitsplätze schafft oder eine Millionen in ein portugiesisches Unternehmen steckt, erkauft sich Zugang zu allen „Schengen“-Ländern.

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Weltgestalt - Architektur auf Reisen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*