Valparaísos Identitäts-Krise

Valparaíso war mit San Francisco der wichtigste Hafen an Amerikas Westküste. Bis 1914 der Panamakanal eröffnet und die chilenische Stadt als internationaler Umschlagplatz ins Aus katapultiert wurde.

Geschichte von Valparaíso

Die Geschichte von Valpo ist wie ihre Geografie: Eine Talfahrt mit Höhen und Tiefen.

Nach Chiles Unabhängigkeit Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden Handelsbeziehungen zu Europa. Valparaíso war nach der Umfahrung des Kap Horn der erste große Hafen und profitierte als wichtiger Umschlagplatz die vom Goldrausch in Kalifornien. In Valpo entstanden Lateinamerikas erste Börse und Chiles erste Bibliothek – 1827 wurde die älteste Spanisch-sprachige Zeitung El Mercurio pubiziert.¹

Mit der Eröffnung des Panamakanal hatte der Spaß ein Ende. Handelsschiffe nahmen nun den Shortcut – und Valparaíso verlor als Umschlagplatz an Bedeutung.

Auch zwischen den Boomjahren mussten Stadt und Bewohner immer wieder Rückschläge einsacken: Plünderungen durch Piraten, Erdbeben, Feuer, Tsunamis. Im spanisch-südamerikanischen Krieg wurde die Stadt in Schutt und Asche gelegt (was natürlich auch ihre wirtschaftliche Kraft in dieser Zeit belegt). Am 11. September 1973 war Valparaíso Schauplatz des Militärputsches durch Pinochet.

Heute hat der Hafen selbst im eigenen Land kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Im Nachbarort San Antonio wird mehr Tonnage umgeschlagen; einen großen Absatz machen Importwaren für Santiago. Exporte erfolgen dezentral über den Norden des Landes.

Die miesen Jahre haben ihre Spuren am Stadtbild hinterlassen. Immerhin: Durch den Geldmangel wurde in Valpo nicht viel neu gebaut – und daher Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhalten. Im Gegensatz zur wirtschaftlich starken Hauptstadt Santiago, in der Aufschwung gleich Abriss bedeutet.

Die gut erhaltenen und bunten Wellblech-Fassaden brachten Valparaíso 2003 den Unesco-Titel ein – was wiederum Touristen an die Küstenstadt spült und die Stadt auf der Suche nach einer neuen Identität finanziell unter die Arme greift.

Neue Identität

Seit den 90ern, also mit Ende der Diktatur, hat sich in der ehemaligen Hippiestadt wieder eine Kunstszene ausgebreitet. Eine Streetart-Szene um genau zu sein.²

Dazu muss man sagen: In Chile sind Graffitis verboten. Da sie aus Valpo aber ein Freilichtmuseum für Besucher gemacht haben, wird die Sprayer-Szene von der Stadtverwaltung akzeptiert. Und gefördert.

Anfangs waren die Hausbewohner von ihren „beschmierten“ Fassaden wenig begeistert – und entfernten die Streetart-Werke immer wieder. Bis sie schließlich einsahen, dass sie besser einen guten Künstler beauftragen, als von einem schlechten unfreiwillige Fassadenkunst zu erhalten. Denn ein schon bestehendes Graffiti wird respektiert – und nicht vom nächsten Sprayer überarbeitet.

¹ El Mercurio ist die älteste noch existierende spanisch-sprachige Zeitung. Die wahrscheinlich erste Zeitung in spanischer Sprache erschien 1677 unter dem Titel Gaceta de Madrid.

² Auch während der Militärdiktatur gab es Graffitis in Valparaíso. Sie waren eine Möglichkeit, Protest gegen die Regierung zu äußern.

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